Ich bist du

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Werkleitz Festival 2008 Amerika
Ich bist du

Dieses Bild ist keine Inszenierung von Collier Schorr *1, das Foto zeigt mich im frühen Schulalter 1979 mit US-Parka und Patriotic-Shirt, im Hintergrund erstreckt sich die Ostseeküste meiner Kindesheimat DDR. Ich weiß nicht, ob meine Eltern Gedanken darüber verschwendeten, in welche Rolle sie mich da einkleideten, aber ich erinnere mich an ihre Bitte, die USA-Fahne besser nicht in der Schule anzuziehen. Ich hatte in den ersten Schuljahren einige US-Fahnen zum Anziehen, selbst Unterhosen und Socken waren dabei. Unsere Familie bekam Westpakete mit zumeist getragenen Sachen aus Hamburg und Recklinghausen geschickt. Dass in den Paketen soviel Amerika drin war, hat sicher etwas mit der Zeit zu tun, nach Watergate und Vietnam wurde für gutes Image gesorgt. Jedem Bashing folgt ein Hype, und vielleicht befinden wir uns augenblicklich am Scheitel eines solchen Zyklus.

Doch zurück zum Identity-Chic meiner Kindheit. Es gab erstmals Ärger in der Schule, weil ich eine Trainingsjacke mit der Aufschrift „El Salvador“ trug. Vielleicht ist der Hintergrund der Aufschrift noch mit dem Fußballkrieg2verbunden. Fest steht jedoch, dass die USA mit Beginn der 1980er von El Salvador aus die Contras in Nicaragua unterstützten und unsere Schulwandzeitungen natürlich für die Sandinisten sprachen. Insofern erklärt sich der Ärger, ich musste die Jacke ausziehen. In dieser Zeit wurde aber auch nach Mickey-Mouse-Heften in unseren Schulranzen gesucht, die, sobald sie gefunden, als US-amerikanische Schund- und Schmutzliteratur einbehalten worden sind. Nebenbei, die meisten unserer Lehrer unternahmen diese Kontrolle beschämt. Dennoch, die USA bedeuteten nicht nur Gefahr für die Freiheit der Menschen in Kuba, Vietnam, Chile und Nicaragua, sie haben auch Atomraketen vor unserer Haustür aufgestellt, und somit war alles von und an ihnen bedrohlich. Außerdem haben die USA 1980 die Olympischen Spiele in Moskau boykottiert. Warum, das durfte ich damals gar nicht so genau wissen. Die Sowjetunion war 1979 in Afghanistan einmarschiert, dass die USA auch dabei waren, wusste ich damals nicht, aber es passte zu ihnen.

Nach der Schule spielten wir Kinder auf der Straße Cowboy, nicht Cowboy und Indianer, das war schon im Kindergarten vorbei. Karsten Dorber hatte einen Trommelrevolver aus Ungarn. Die Trommel drehte sich, das Schloss knallte, und bis auf den gelben Plastegriff sah der ziemlich echt aus. Karsten hatte einen Gipsabdruck von seinem Revolver machen lassen und konnte uns somit einen massiven Bleiguss von der Pistole zum Tausch anbieten. Doch dieser war viel zu schwer, und außerdem besaß er keinen Bügel um den Abzug. Was sollte das? Wo wir doch stundenlang damit verbrachten, wie Clint, John und Terence die Pistole vor dem schnellen Schuss um den Zeigefinger zu drehen.

René hatte einen richtigen Cowboy zum Vater, dieser trug Jeanshemd und Nietenhose und hatte einen riesigen Stierkopf als Gürtelschnalle. Als ich einmal bei René oben war, lag sein Vater mit Schuhen im Bett und schlief, es roch nach Alkohol und Zigaretten wie im Saloon.

Wenn wir richtig Krieg spielten, dann waren wir die Deutschen, die gegen die Russen gewannen. Russen gab es gleich um die Ecke im sowjetischen Garnisionskrankenhaus, das wir mit unseren Gewehren umschlichen. Amerikaner dagegen waren nicht greifbar, und Amerikaner waren gut, wussten die Alten zu erzählen. Schließlich waren sie es doch, die Halle von den Nazis befreiten. Sie haben Schokolade, Kaugummis und gute Laune nach Halle mitgebracht. Sie kamen in Jeeps nach Halle. Anschließend rückten die Russen in Panjewagen ein. Die Russen demontierten unsere Fabriken und nahmen deutsche Ingenieure mit nach Sibirien. Mit dem Tag, an dem sie da waren, konnten sich Frauen allein im Stadtwald nicht mehr sicher sein. Soweit zu den Mythen, die zum Teil aus der Nazipropaganda in den Kalten Krieg transportiert worden sind.

Der Kalte Krieg druckte in unsere DDR-Schulbücher noch eine ganz andere Weisheit: Nazideutschland wurde von Imperialisten finanziert, dies wurde uns anschaulich erklärt. Man denke an die Heartfield-Montage mit Hitlers ausgestreckter hohler Hand, in welche die Kapitalisten einen Teil ihres Profits hineinlegten. Die USA waren ebenfalls imperialistisch, und auch sie führten überall Krieg, also waren die USA beinahe so wie Nazideutschland. Jedoch nicht die ganzen USA waren schlecht, so wie ja im Nachkriegsdeutschland nur noch ein Teil schlecht geblieben war. Es gab auch GUTE, zumeist unterdrückte US-Amerikaner. Schwarze Frauen wie Angela Davis, sie kam in die DDR, um uns zu besuchen. Victor Grossmann und Dean Reed blieben sogar für immer bei uns. Gerade die Bilder dieser drei Personen wurden zuhauf in den DDR-Schulbüchern, in Jugendzeitungen und auf Agitationsmaterial abgedruckt. Solche Publikationen haben bekanntlich niemanden zum Popstar gemacht. In den 1980er Jahren gehörte es zum Mainstream an DDR-Schulen, den politischen Unterricht, also das System, abzulehnen. Ich konnte mich also gar nicht mit den im Lehrbuch vermittelten Ikonen identifizieren. Angela Davis war so doof wie die DDR. Warum blieb sie nicht in den USA? Wusste sie denn nicht, wie öde es hier war? Es liest sich wie ein Paradoxon, ich wollte nicht für die DDR sein, und somit war ich gegen Angela Davis. Aus derselben Logik heraus war ich schließlich auch für die USA. Auch die DDR-Gesellschaft beschleunigte sich, ihre Stars hielten sich nicht ewig. Wir interessierten uns gar nicht mehr für Reed und Grossmann. Nur Angela musste wegen ihrer Radical-Chic-Frisur ab und an bei Possen über Schambehaarung herhalten. Ansonsten schauten wir bundesdeutsches Vorabendprogramm: Colt Seavers, Hart aber Herzlich, später am Abend lief Magnum. Hier spielten die Helden. Unsere älteren Geschwister unterhielten sich auf dem Pausenhof über J. R., Bobby und Pamela. Sie hielten ihre Schulsachen in Plastiktüten von C&A, Plus und Woolworth unter dem Arm. Eines Tages stand eine Mercedes S-Klasse auf dem Schulweg, wir wussten, dass es DRÜBEN in der BRD sehr angesagt war, sich einen Mercedes-Stern umzuhängen oder den Ring als Armreif zu tragen. Wir wollten den Stern abbrechen und hatten keine Ahnung, dass diese Geste im Westen als Absage an das Establishment galt. Der Stern war ein Stück Bling-Bling, das wir besitzen wollten. Während wir um den Wagen schlichen kam ein junger Mann aus einem Haus. Er öffnete den Mercedes, griff nach einer Plastiktüte und holte aus ihr für jeden von uns eine Dose Coca-Cola heraus. Was für ein Moment.

Bei jedem Festappell auf dem Schulhof erklang, sehr preußisch, während die Fahnen nach vorn getragen wurden, der Yorcksche Marsch vom Tonband. Die DDR taumelte ständig in solcher National-Romantik, an Aufklärung und Neue Welt war dabei nicht zu denken. Ich habe dieses VERPASSTE-CHANCEN-WEHLEID allzugut in Erinnerung: Wir sind zu kurz gekommen, uns fehlte schon wieder das Ruhrgebiet. Die DRÜBEN hatten den Marshall-Plan und wir rangen nach Anerkennung in der Welt. Aber wir waren berechtigt, das nationale Erbe anzutreten. Der Yorcksche Marsch endete scheppernd, die Schuldirektorin verkündete etwas wie: „Der imperialistische Aggressor rüstet unaufhörlich auf.“ Es war hier vom Aufstellen der Pershing-II-Raketen 1983 in der BRD die Rede. Wir alle wussten ganz genau, warum das passierte, weil Westdeutschland unrechtmäßig der NATO beigetreten war und somit US-Amerika für immer hörig sein musste. Dennoch: Die Guten in der BRD, sie gingen gegen die US-amerikanischen Raketen auf die Straße, Tagesschau und Aktuelle Kamera sendeten die gleichen Bilder. Die DKP kam zu uns und schenkte uns Aufkleber „Better Rock Than Rockets“. Wir hatten jetzt West-Sticker, die wir haben durften. Die Sowjetunion half uns einstweilen mit SS-20-Raketen. Trotzdem: Amerika war jetzt so nah wie noch nie. Dann flog eine Schar Wildgänse in den Radar, und fast wäre es passiert. Wir standen auf dem Schulhof und hatten Angst. „Das war knapp“, erinnert sich auch Michael Gorbatschow später, im Mai 2005, im Gespräch mit Ronald Reagan.

Ronald Reagan wurde 1984 schon zum zweiten Mal zum amerikanischen Präsidenten gewählt. Abgesehen von dem Vorwurf, dass Reagan die Raketen auf uns richtete und als rüder Antikommunist galt, bezog sich die Nebenklage meiner Großmutter, sie war Genossin, darauf, dass er ein Schauspieler, ein Billigwesternheld sei. Solche handfesten Vorwürfe sammelte sie aus dem ND (Neues Deutschland), sie schnitt sie aus und klebte sie in Oktavhefte. Ich sammelte rare Hanuta- und Duplo-Sportlerbildchen von den olympischen Sommerspielen in Los Angeles, bei denen die DDR nicht dabei sein durfte. Aber US-amerikanische Food-Produzenten waren damals schon als offizielle Sponsoren der Spiele zugegen, und so sangen wir 1984 in den Pausen: „Mars macht mobil ...“

Apropos, während die DDR-Medien über das SDI-Programm3der USA polemisierten, bemühten wir uns um Eindrücke bei den Serienwiederholungen von Star Wars und Star Trek. Wir hörten Nenas 99 Luftballons, und die Mädchen standen auf Herbert Grönemeyer. Auf Bochum lief Amerika. Wir diskutierten darüber, ob wir diesen Song nicht total undankbar finden sollten. Ich mochte Amerika. In den westdeutschen Medien holten wir uns Argumente für ein Weltbild. Dann fieberten wir bei vier tragischen Folgen Dornenvögel.

Bruce Springsteen war 1988 ein willkommener Gast in der DDR. Unsere Schuldirektorin erklärte uns am Rande des Unterrichts den amerikakritischen Moment des Songs Born in the USA. Sie gestand aber auch, dass sie Bruce Springsteen so männlich, so rockig fände. Mochte sie etwa auch Amerika? Bruce rüttelte verbal an der Berliner Mauer, er sprach von Barrieren, die abgerissen werden müssten. Im selben Jahr machte die britische Rockband Pink Floyd Lärm auf der Westseite der Mauer. The Tide Is Turning. Es folgte die Zeit mit Konzerten für ganz Berlin. Das prominente Ex-Mitglied der Band, Roger Waters, inszenierte 1990 The Wall auf dem Potsdamer Platz, und als müsste man den Osten erst ein wenig schulen, erklang „We Don’t Need No Education“ aus Another Brick in the Wall.

Gemeinsam mit Ulrich Wickert hatten einige Angst vor dem geeinten Deutschland. François Mitterrand gab sich zurückhaltend, und Maggie Thatcher hielt sich bedeckt. Michael Gorbatschow hatte irgendwie von vornherein zugesagt, aber George Bush, Präsident der patriotischsten Nation, freute sich für uns.

Was ist Patriotismus? Ich saß im Spätherbst 1989 fast allein im Unterrichtsraum. Alle anderen waren DRÜBEN auf Einzelexkursionen in der BRD. Begriffe wie „Nation“ und „Heimat“ wirbelten durch die Gegend. Ich war damals überfordert und habe bis heute Probleme mit dem Begriff „Nation“, lieber bin ich gleich Europäer und nebenbei Angehöriger der westlichen Welt.

Im Juli 1990 bekamen wir die D-Mark, Deutschland gewann gemeinsam die Fußball-WM. Im August, noch vor der deutschen Wiedervereinigung, begann der zweite Golfkrieg. Es war noch in den Ferien nach dem Abitur. Im ersten Fernsehkrieg schauten wir uns die Präzision der Waffentechnik unserer neuen Freunde an. Das Fadenkreuz auf den Bunker und dann der Einschlag. Jemand sagte, dies sei eine Computersimulation; ein anderer sagte, es ginge um Öl. Nach den Fernsehschlagzeilen gingen wir raus, etwas trinken. Dennoch: Wir begannen am neuen Freund zu zweifeln. Das erste Mal sah ich mich in Opposition zu den USA.

Ich fand mich im Westen Deutschlands zwischen Niederrhein und Ruhrgebiet wieder, um dort eine Lehre zu machen. Dort ging man mit Amerika routiniert um, man lächelte darüber, man bereiste es, hielt sich aber eher länger an thailändischen Stränden auf. Ich fuhr am Wochenende nach Rotterdam und starrte auf den Hafen, von dem aus die Schiffe weit nach Westen fahren. In Duisburg, hier wohnte ich, kam die billige Steinkohle aus Amerika an. Mein Onkel schimpfte darüber, er war einst Steiger in Recklinghausen-Hochlarmark, von dort aus kamen die bereits erwähnten Westpakete. An zahlreichen Wochenenden besuchte ich die Kunsthallen und Museen an Rhein und Ruhr. Ich sah die Pop-Art-Sammlung der Ludwigs. Es war eine Neue Welt und ein Zeitsprung, der durch die in den 1990ern beginnende Intensivierung in der bundesdeutschen Ausstellungskultur noch Beschleunigung fand. In Wuppertal sah ich erstmals Bilder von William Eggleston, und ich bekam einen Studienplatz für Fotografie in Leipzig. So ging ich 1993 nach Halle zurück. Der Osten Deutschlands schien mir jetzt aufregend fremd. Etwa in dieser Zeit eröffnete der erste McDonald’s in Halle. Der Filiale wurden damals mehrfach die Fensterscheiben eingeworfen. Das war Sisyphosarbeit und vielleicht war es Antiamerikanismus, allemal war es Ausdruck von Ablehnung gegenüber der einbrechenden Fast-Food-Kultur. Während ich die kaputten Fensterscheiben bei McDonald’s ambivalent schick fand, schimpfte man in Halle bereits gegen Plastiktüten, gegen den Bankrott der Konsumgenossenschaft, die Brutalität des Arbeitsmarktes und die Arroganz des Westens. Am meisten betrogen fühlten sich die, die GOLDEN-AMERICAN-BIG-BOX-ZIGARETTEN steuerfrei beim Vietnamesen kaufen mussten, der Fidschi (ostdeutsch für Vietcong) hatte Mitschuld an der Misere. Einst rettete man ihn hierher vor Amerika, jetzt war er Kleinunternehmer.

Was ist Amerika? Was ist Westen? Was erhoffte sich die DDR von ihm?

Es gibt kein ganzes Amerika. In meinem dtv-Lexikon werde ich sofort auf Nord- und Südamerika verwiesen. Es folgen die Einträge: „Amerika-Häuser in der Bundesrepublik Deutschland“ und „Amerikaner“, „Bewohner Amerikas, bes. Einwohner USA“ steht daneben. Ferner gibt es „amerikanische Kunst“ und „amerikanische Literatur“, „amerikanische Philosophie“, „nordamerikanische Philosophie“, den „Amerikanischen Bürgerkrieg“, das „Amerikanische Mittelmeer“, die „amerikanische Sprache“, „Indianersprachen“, den „Amerikanismus“ und die „Amerikanismen“. Der Westen ist lexikalisch lediglich eine Himmelsgegend. Irgendwann nach „Westend“, „Westendorf“ und „Westensee“ folgt „Western“ mit „1) Wildwestroman“ und mit „2) Film, früher auch Wildwestfilm“. Wir wissen, dass die Begriffe „Amerika“ und „Westen“ für uns etwas Anderes bedeuten. Das Einfachste daran ist, dass wir „Amerika“ sagen und die USA meinen. Doch was erhoffte sich die DDR? Bonn im Westen oder Texas in Amerika. Die DDR-Gesellschaft sehnte sich nach Freiheit. Als die DDR so frei war, dass sie aufhören konnte zu sein, wehten in den Refugien kleinster Freiheit, den Gartenanlagen, neben schwarz-rot-goldenen Fahnen auch vereinzelt die Fahnen der Südstaaten. Ob dies nun als Abtrünnigkeit von der gerade vereinten Republik zu interpretieren ist oder als Symbolik eines Rechtsrucks, bliebe zu klären.

Freiheit bedeutete im ersten Moment ganz konkret uneingeschränkte Mobilität und dies zumindest als technisch wie rechtlich abgesicherte Option. Die Option ist vielleicht die Summe aus Auto und Schengener Abkommen. Wir kauften uns ein Auto, wir fuhren, ohne vorher von ihm zu wissen, an den westlichsten Punkt Europas, und wir starrten von dort aus auf den Atlantik.

Neben der Option, sich ungebremst in Richtung Ferne bewegen zu können, gibt es natürlich weitere Wünsche nach Freiheit, und sei es nur nach dem Symbol, dem Motiv dafür. Auch hier muss Entfernung als Metapher herhalten, etwas, das ich haben möchte, ist zwar irgendwie vorhanden, aber gerade so weit weg, dass ich mich danach sehnen kann.

Motiv: In der Ukraine, in Odessa 1991, promenierten gut gebaute junge Männer am Schwarzmeerstrand, über den Bund ihrer Badehose ragte die Marlboropackung. Viel mehr hatten sie noch nicht von Amerika. Motivik: Richard Prince verwendet den Marlboro-Mann für sein Projekt „Spiritual America“, der Cowboy wird in der Wiederholung zum Ornament, auf das Richard Prince wiederum sein Bild von Amerika reduziert. Sein oder mein Bild von Amerika?

Die meisten Eindrücke, die ich von Amerika besitze, sind Bilder. Als multilinguale Nation sind die USA groß im Bild. Einmal, 1996, war ich kurz vor der Olympiade in Atlanta. Das qualifiziert mich mitnichten irgendetwas über das DORTSEIN sagen zu können. Aber ich bin im Hauptquartier von CNN gewesen. In der Galerie des Foyers sah ich all die Bilder, die ich bereits von Amerika gesehen hatte. In Rahmen und Passepartout hing das Bild vom Challenger-Absturz an der Wand. Daneben das Motiv mit dem Fadenkreuz über dem Bunker aus dem zweiten Golfkrieg, es folgte die Hubschrauberaufnahme von O. J. Simpsons Wagen, den er fuhr, als er von der Polizei verfolgt wurde. An dieser Stelle wurde mir bewusst, dass ich sehe, was Amerika sieht.

Doch wie sehe ich Amerika? Mein Bild von Amerika wird von mindestens zwei Variablen gezeichnet. Zum einen von Amerika als einer sich entwickelnden Gesellschaft mit veränderlichen Mehrheiten, als Nation mit veränderlicher Strahlkraft. Zum anderen von mir mit meinen subjektiven Erfahrungen. Für mich persönlich ist der Gedanke interessant, dass es eine Zeit gab, in der ich von außen auf den Westen blickte, und nun bin ich Bestandteil desselben. Was sieht ein Ukrainer in Amerika, was sieht ein Inder, was sieht ein Amerikaner, was siehst du? In diesem Augenblick weiß ich, ich kann Amerika nicht von mir unabhängig erkennen.

Halle 2008

1 Collier Schorr, amerikanische Künstlerin und Modefotografin, deren Arbeiten die Inszenierung von Identität thematisieren.

2 Auslöser des mehrtägigen militärischen Konfliktes zwischen Honduras und El Salvador waren Ausschreitungen bei Qualifikationsspielen zwischen beiden Ländern zur WM 1970.

3 SDI steht für Strategic Defense Initiative, das Militärprojekt wurde 1983 unter Ronald Reagan angeordnet, es beinhaltet die satellitengestützte Abwehr von Raketen.